Die Auslöser sind vielschichtig. Die Jugendzeit ist eine Lebensphase, in der man in vielen Bereichen sehr vulnerabel ist. In diesen Jahren geschehen viele Übergänge, die verarbeitet werden müssen. Oft hört man, dass die digitalen Medien ein Auslöser seien. Dieser Faktor kann tatsächlich eine Rolle spielen, ist aber nicht allein verantwortlich – die Jugend war schon immer eine instabile Zeit für viele.
Diese Unterscheidung ist eine grosse Herausforderung für Eltern wie auch für Fachpersonen. Wenn sich unsere Psyche – also unsere Gedanken und Gefühle – in eine ungute Richtung verändert, macht sich das im Verhalten bemerkbar. Es gibt einige Kriterien, anhand derer sich das recht schnell erkennen lässt. So sind die Beziehungen meistens gestört: zu den Eltern, aber auch zur Peergroup und den Freunden. Die Alltagsfähigkeit geht verloren. Die betroffene Person geht nicht mehr zum Sport oder vernachlässigt ihr Musikinstrument, das sie vorher so gern gespielt hat. Oder die Leistung in der Schule nimmt ab. Wichtig ist jedoch, in welchem Zeitraum man diese Veränderungen wahrnimmt. Liebeskummer kann diese Kriterien auch erfüllen, dauert im Durchschnitt aber etwa drei Wochen, danach wird es wieder besser. Bei einer psychischen Erkrankung wird es in der Regel immer schlechter.
Auch bei Menschen, die ihre Gefühlslage nicht gross nach aussen tragen, gibt es Möglichkeiten, Veränderungen festzustellen: Wenn eine Person schlechter schläft, wenn sich ihre Ernährungsbedürfnisse verändern oder sie plötzlich häufig Bauchschmerzen oder Kopfweh hat und man keine medizinische Erklärung findet, dann sollte man psychische Ursachen in Betracht ziehen.
Das Wichtigste ist, dass man reagiert, und zwar so früh wie möglich. Beobachtungen sollten vorab im fachlichen Umfeld eingeordnet werden, um nicht nur aus einer subjektiven Perspektive zu handeln. Dann teile ich dem Gegenüber in Ich-Botschaften mit, dass er oder sie mir als Mensch wichtig ist, und dass ich festgestellt habe, dass sich in letzter Zeit etwas verändert hat. Wenn ich meine Wahrnehmungen in dieser Form kommuniziere, muss ich mich nicht rechtfertigen. Anschliessend kann ich dem Gegenüber mit offenen Fragen die Möglichkeit geben, mir mitzuteilen, wie es ihm in der aktuellen Situation ergeht.
Es muss nicht gleich beim ersten Gespräch gelingen. Wenn die betroffene Person eine Abwehrhaltung einnimmt, dann gilt es das zu akzeptieren. Ich kann ihr dann sagen, dass es mir wichtig war, meine Beobachtungen zu teilen und dass ich nächste Woche gerne nochmals auf sie zukomme. Es ist wichtig, Wertschätzung entgegenzubringen, sich und dem Gegenüber Zeit geben, aber auch Verbindlichkeit zu schaffen. Denn Menschen in solchen Situationen fehlt oft die Kraft, von sich aus auf andere zuzugehen.
Wichtig ist jeweils die Information, dass es Hilfe gibt und wo, ohne das Gegenüber unter Druck zu setzen, diese sofort in Anspruch zu nehmen. Wenn sich jemand auch nach zwei, drei Gesprächen immer noch einmauert, kommt bei Minderjährigen irgendwann der Punkt, an dem man beispielsweise als Lehrperson die Eltern mit ins Boot holen muss. Erfahrungen zeigen, dass das auch in jenen Fällen wichtig ist, in denen die Eltern Mitverursacher einer solchen Krise sind.
Im ersten Moment fühlt sich das vielleicht so an und wird vom Gegenüber möglicherweise auch so bezeichnet. Trotzdem muss man in diesen sauren Apfel beissen im Wissen, dass man mittelfristig dem betroffenen Menschen Unterstützung bietet. Und rückblickend sind Betroffene meistens sehr dankbar.
Dann geht es darum, die Person zu ermutigen, professionelle Hilfe anzunehmen und sich zu überlegen, wer aus dem Umfeld ebenfalls Unterstützung geben kann. In den allermeisten Fällen sind das die Eltern – es sei denn, die betroffene Person berichtet von Misshandlungen zuhause, dann muss man andere Wege wählen. Äussert jemand in einer akuten Krise Suizidgedanken, gilt es, lieber einmal zu viel die Ambulanz zu rufen als gar nicht.
Die eigene psychische Integrität muss immer an erster Stelle stehen. Auch begleitende Personen dürfen und sollen Unterstützung in Anspruch nehmen. Und ganz wichtig ist es, Grenzen zu setzen und zu merken, wenn man selbst eine Pause benötigt.
Die Beziehung ist das A und O, und wichtiger noch als die Erziehung: dem eigenen Kind das Gefühl geben «egal, was kommt – ich bin für dich da». Das ist ein extrem starker Schutzfaktor für alle Kinder und Jugendlichen. Viele möchten ihren Eltern nicht zur Last fallen. Wenn sie aber spüren, dass ein starkes Netzwerk da ist und sich die Eltern auch professionelle Hilfe holen, um unterstützen zu können, dann hilft das enorm.