Gibt es wirklich keine Chance mehr? Auch nicht für die grossen Gletscher?
Die momentanen Berechnungen deuten darauf hin, dass beispielsweise der Aletschgletscher – der grösste Gletscher der Alpen – bestehen bleibt. Sogar mit Eis am Jungfraujoch und dem Eisfeld am Konkordiaplatz, dem Ort, wo sich mehrere grosse Gletscher vereinigen. Aber die mächtige, 14 Kilometer lange Gletscherzunge wird definitiv verschwinden bis in knapp 100 Jahren.
Apropos Aletschgletscher: Dieser hat 2022 am Konkordiaplatz etwa sechs Meter Eisdicke verloren. Was geht in Ihnen vor, wenn sie solche Messungen vornehmen?
Es gibt zwei Perspektiven: Einerseits bin ich ein Wissenschaftler. Solche Werte, die man nicht für möglich gehalten hätte, zu messen und mitzuerleben, ist faszinierend. Andererseits bin ich ein Mensch, der gerne in den Bergen unterwegs ist. So betrachtet, stimmt es mich durchaus traurig und nachdenklich, wie stark der Rückgang vonstattengeht und wie schnell das Eis verschwindet.
2022 kam klimatechnisch einiges zusammen, das für die Gletscher ungünstig war. Was geschah?
Einerseits gab es einen schneearmen Winter. Entsprechend fehlte es den Gletschern im Sommer an Nahrung und an einer Schutzschicht aus Schnee und Eis. Nach dem trockenen Winter setzte die Schneeschmelze ungewöhnlich früh ein. Wir hatten im Mai bereits Hitzewellen von 30 Grad Celsius. Den ganzen Sommer war das Wetter konstant gut mit hohen Temperaturen und mehreren Hitzewellen. Das alles brachte die Gletscher noch stärker zum Schmelzen. Als ob das nicht schon genug war, kam auch noch Saharastaub hinzu. Der konkrete Effekt davon lässt sich zwar nicht genau quantifizieren, allerdings war der Schnee auf den Gletschern durch die Verschmutzung dunkler gefärbt. So nahm er die Sonnenstrahlung effizienter auf und schmolz schneller.
Und wie sah es 2023 aus?
Die Fachwelt wusste, dass 2022 ein Extremereignis war, das aus den historischen Schwankungen ausbrach. Dass es 2023 wieder einen Verlust geben würde, war zwar zu erwarten, jedoch nicht in dem Ausmass wie 2022. Dann kam der Winter, der vielerorts noch trockener als derjenige im Vorjahr war. Darüber hinaus gab es nochmals einen sehr heissen Sommer. Das Szenario hat sich also fast wiederholt.
Zwei Jahre hintereinander dieselbe Entwicklung. Kann man von einem Trend sprechen?
Was den fehlenden Schnee im Winter betrifft, nein. Die Klimamodelle geben keine Anhaltspunkte darauf, dass die Winter generell trockener werden. Bezüglich dem fehlenden Schneefall hatten wir die letzten zwei Jahre wohl vor allem auch Pech. In Bezug auf die Temperaturen im Sommer sehen wir jedoch einen sehr klaren Trend. Die Schmelze während der warmen Jahreszeit wird weiter ansteigen.
Gibt es eine Möglichkeit, die Gletscher zu stabilisieren oder gar wieder wachsen zu lassen?
Damit die Gletscher im Gleichgewicht bleiben oder wachsen könnten, bräuchte es eine konstante Temperatur-Reduktion von mindestens zwei bis drei Grad Celsius in den Alpen. Es ist übrigens spannend zu beobachten, wie sich unser Empfinden mit der Zeit verändert. Beispielsweise empfanden wir den Sommer 2021 als schrecklich, weil er kalt und nass war. Aber selbst dieses Wetter war zu warm, um ein Gleichgewicht bei den Gletschern zu erreichen.
Eine Schweiz ohne Gletscher. Unvorstellbar?
Wir werden grundsätzlich ohne Gletscher überleben können, auch wenn dadurch neue Gefahren entstehen können – beispielsweise Steinschlag, Flutwellen und dergleichen. Die Veränderung der Natur kann aber durchaus auch ihren Reiz haben: Neue Täler und Seen werden entstehen, die Vegetation wird sich anpassen.