Im ambulanten Bereich werden zu viele Antibiotika verschrieben – oft ohne echte medizinische Notwendigkeit. Ein Pilotprojekt in Hausarztpraxen setzt auf Aufklärung der Patientinnen und Patienten und erzielt damit messbare Erfolge. SWICA unterstützt das Projekt und die Evaluation.
Antibiotikaresistenzen zählen laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den grössten Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit. Auch in der Schweiz arbeitet man intensiv daran, die Ausbreitung von resistenten Keimen zu verhindern. Einen grossen Hebel gibt es im ambulanten Sektor. Dort werden gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) 85 Prozent der Antibiotika im Bereich Humanmedizin verschrieben.
Doch längst nicht jede Verschreibung ist medizinisch notwendig. Eine im Juni 2025 publizierte Studie mit Schweizer Daten von über 52 000 Antibiotikaverschreibungen zeigt, dass jede fünfte davon von den nationalen Empfehlungen abweicht, besonders bei Erkältungskrankheiten wie Rachen- oder Nasennebenhöhlenentzündung.
Die Gründe, wieso Antibiotika trotzdem so häufig zum Einsatz kommen, sind unterschiedlich. «Vielleicht glauben Hausärztinnen und -ärzte, dass ihre Patientinnen und Patienten ein Antibiotikum erwarten. Vielleicht überschätzen sie auch die Komplikationsrisiken der Krankheiten oder die Wirksamkeit von Antibiotika zur Verhinderung schwerer Verläufe. Gleichzeitig unterschätzen sie die Nebenwirkungen oder die Gefahr zunehmender Resistenzen», sagt Dr. med. Adrian Rohrbasser vom Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM).
Unter Rohrbassers Leitung hat sich ein Forschungsteam des BIHAM dieser Problematik angenommen. «Unnötige Verschreibungen von Antibiotika gehen zurück, wenn die Ärzteschaft zum neusten Stand der Forschung geschult wird. Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist die Beteiligung der Patientinnen und Patienten an der Therapieentscheidung», erklärt er.
Darum hat das Forschungsteam, mit Unterstützung des BAG und der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SSMIG), Hilfsmittel für den Praxisalltag erstellt, um die gemeinsame Entscheidungsfindung für oder gegen den Einsatz von Antibiotika zwischen Ärztin und Patient zu erleichtern. Sie beinhalten Informationsblätter mit einer einfachen Zusammenfassung der medizinischen Fakten. Verständliche Grafiken zeigen die Vor- und Nachteile einer Therapie mit und ohne Antibiotika. Ausserdem erhalten die Hausärztinnen und -ärzte Leitfäden für die Kommunikation mit den Patienten.
«Unnötige Verschreibungen von Antibiotika gehen zurück, wenn die Ärzteschaft zum neusten Stand der Forschung geschult wird. Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist die Beteiligung der Patientinnen und Patienten an der Therapieentscheidung.»
Im Rahmen eines Pilotprojekts an 18 Medbase Medical Centern wurden diese Hilfsmittel im Praxisalltag getestet. Die Auswertung durch SWICA belegt den Erfolg: Die Verschreibungsrate von Antibiotika konnte um 12 Prozent gesenkt werden – das ist der strukturierten Kommunikation und dem Einbezug der Patientinnen und Patienten zu verdanken.
Konkret erhielten im Schnitt pro Quartal nur 680 Patientinnen und Patienten ein Antibiotikum verschrieben – ohne die Massnahme wären 770 Verschreibungen erwartet worden. Untersucht wurden dabei die anonymisierten Daten von rund 50'000 SWICA-Versicherten. Am deutlichsten ist der Rückgang bei sogenannten Watch-Antibiotika, also bei Präparaten, bei denen ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Resistenzen besteht.
«Die Zahlen sprechen für sich: Wenn Patientinnen und Patienten aktiv in ihre Behandlung eingebunden werden, sinkt die Zahl unnötiger Antibiotikaverschreibungen deutlich», erklärt Maria Trottmann, Expertin Versorgungsforschung bei SWICA, die für die Auswertung des Pilotprojekts zuständig ist. Langfristig würden davon nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst profitieren, sondern das gesamte Gesundheitssystem – durch geringere Kosten und eine gestärkte öffentliche Gesundheit.
«Die Zahlen sprechen für sich: Wenn Patientinnen und Patienten aktiv in ihre Behandlung eingebunden werden, sinkt die Zahl unnötiger Antibiotikaverschreibungen deutlich.»